Return to site

Telepathische Leser...

...oder wie man ohne verstanden zu haben kommentiert.

(StS/NYC) Nun bin ich schon lange im Geschäft. Habe wilde Zeiten als Rechercheur im Nahen Osten hinter mir und bin dabei in viele absurde Situationen geraten und an noch absurdere Menschen. Bei all dem hatte ich ein Privileg, das ich nie als solches bewusst erkannt hatte: Privatheit. Denn entweder ich habe meine Rechercheergebnisse an etablierte Medienhäuser geliefert oder aber ich durfte unter einem Pseudonym geschrieben. Wenn man im Pulverfass Naher Osten arbeitet, empfiehlt sich das nicht nur, man wäre dumm, würde man auf diesen Schutz verzichten.

Irgendwann hatte ich von der Region die Nase voll. Wobei, nicht von der Region, ich liebe den Nahen Osten, aber von Krieg, Gewaltkultur und Hass unter Menschen, die nicht zuerst das Individuum sehen, sondern die Gruppe zu der dieses Individuum gehört. Ich musste nach den Jahren einfach raus aus Beirut und der Pendelei zwischen Deutschland und dem Libanon.

Da kam es ganz gelegen, dass eine kleine Nachrichtenagentur in New York einen Rechercheur mit Erfahrung im Nahen Osten suchte. Gleichzeitig habe ich die Ehre (?), die Pflicht (?), das Vergnügen (?), die Chance (?), das Himmelfahrtskommando (?), auch für Boulevardblätter zu schreiben. Eine nicht ganz neue, aber in dieser Intensität doch andersartige Erfahrung. Und das Ganze teilweise auch mit meinem echten Namen.

Uff.

Ich sage es mal so: dass wir Menschen alle leicht gaga sind, ist mir nicht neu. Die Leserzuschriften, die allerdings jetzt bei mir eintrudeln sind teilweise mehr als gewöhnungsbedürftig. Vor allem finde ich es putzig, wenn Leute kommentieren oder Beleidigungen ventilieren, die offenbar nicht kapieren, was sie da eigentlich kritisieren. So mancher Frühberufene scheint zu meinen, er könne meine Artikel telepathisch erfassen und sie kommentieren, und zwar ohne den lästigen Umweg über das Lesen und Verstehen.

Ich war schon immer ein Anhänger der Idee, dass sich alles mit 20mg Haldol irgendwie einrenken lässt. Inzwischen würde ich das Zeug gerne zum Lutschen über so mancher Großstadt abwerfen.

Verstehen Sie mich nicht falsch. 95% der Leser sind sicher ganz fantastische Menschen, so wie vermutlich Sie. Aber der Rest. Mann oh Mann... Wie solche Leute mit sich selbst klarkommen, das kann einem schon ein Rätsel sein.

Ach, und noch ein Tipp: Wenn man einem amerikanischen Journalisten etwas schreibt und dieser für ein internationales Blatt schreibt, dann kann er Ihre Email samt Namensnennung verwenden. Und das tue ich, mit Liebe und Wonne. Vielleicht weil in mir doch ein kleiner Sadist wohnt? Wird man sonst ein Investigativer? 

Wenn Sie also nicht unbedingt irgendwann, irgendwo literarisch wertvoll verarbeitet über sich in der Zeitung lesen wollen, dann schreiben Sie mir doch einfach so, wie man das unter normalen Menschen eben so tut. Mit Anstand und Respekt.

All Posts
×

Almost done…

We just sent you an email. Please click the link in the email to confirm your subscription!

OKSubscriptions powered by Strikingly